Jahreswechsel
In der Nacht zu Silvester zeigte Frau Holle, was sie draufhat. Als ich aufwachte, lagen auf dem Außenspiegel des Taxis schon gut 15 cm Schnee. Wow. Klar ging mir auch durch den Kopf, dass ich hier ja irgendwann wieder rausfahren musste – aber das war ein Problem für später. Erstmal machte ich mir meinen Kaffee und befreite die Solaranlage vom Schnee. Wie sollte es anders sein: Nach dem Kaffee, von dem ich einen Teil verschüttete, ging es erstmal ins Wasser. Nur trug ich statt der Badelatschen diesmal Stiefel auf dem Weg zum Wasser. Bestimmt sehr sexy: Stiefel, Badehose und Bademantel. 😉
Danach rüstete ich mich mit allem aus, was ich für die Wanderung brauchte. Diesmal kamen die Lowa-Bergstiefel zum Einsatz und – seit langer Zeit mal wieder – die Gamaschen, damit kein Schnee von oben in die Schuhe kommt. Zuerst lief ich an der heißen Quelle vorbei den Weg hinauf, den ich gestern heruntergekommen war. Dabei verpasste ich zuerst die Abzweigung und fand mich irgendwann an einer Sitzbank wieder, die ich schon kannte. Also zurück – und diesmal konnte ich den Weg erahnen. Der Schnee ging mir bis zur Mitte der Unterschenkel.
Nach kurzer Zeit erreichte ich über eine Holzbrücke wieder die Straße von der Quelle. Naja, macht ja nichts – die Straße war sowieso nur noch ein paar Meter geräumt. Danach sah man nur noch die Spuren einer Person und ein paar Langlauf-Ski. Entlang des Weges waren außerdem Trittsiegel (Pfotenabdrücke) zu sehen, die sehr nach Wolf aussahen. Da sie irgendwann im Wald verschwanden und nicht wieder auftauchten, gehe ich davon aus, dass es kein Hund war.
Irgendwann kam ich an eine weite Mineralquelle. Danach wurde es richtig steil – noch ein „Weg“, aber teilweise gefühlt im 45-Grad-Winkel. Auf jeden Fall anstrengend, und ich verfluchte jede Zigarette. Dann erreichte ich irgendwann eine offene Fläche und dachte, das Schlimmste sei geschafft. Ich machte eine kleine Pause. Danach ging es im Wald weiter bergauf – immerhin mussten insgesamt 500 Höhenmeter überwunden werden. Aber denkste… Ich kam teilweise nur noch weiter, indem ich mich an Bäumen und Sträuchern festhielt. Trotzdem rutschte ich ein paar Mal ab. Einmal gab mein Knie ein ziemlich ekliges Knacken von sich und schmerzte ordentlich. Egal – hier kann mich eh keiner retten, dachte ich mir. Nach ein paar Schritten ging es wieder.
An einer sicheren Stelle legte ich sicherheitshalber doch die Steigeisen an. Damit lief es sich deutlich angenehmer. Nach weiteren 20 Minuten bergauf erreichte ich die Ruinen der Burg. An einem kleinen überdachten Pausenplatz fragte mich eine Gruppe, ob ich ein Foto machen könne. Natürlich! Als Dank gab es eine Praline. Danach kam noch ein Pärchen aus Tschechien, und wir unterhielten uns etwas auf Englisch.
Irgendwann entschied ich, über einen anderen Weg abzusteigen. Ich holte dabei die Gruppe vom Foto wieder ein und stellte fest, dass dieser Weg deutlich angenehmer war. Trotzdem war ich froh, als ich das Taxi wieder erreichte. Danach ging es erstmal zum Entspannen ins Wasser.
Den Rest des Abends machte ich ruhig – bis ich durchdrehende Räder hörte und sah, dass sich ein Auto festgefahren hatte. Alle halfen mit, und das Auto kam wieder frei. Anschließend kam ich mit den anderen, die ebenfalls auf dem Parkplatz standen, ins Gespräch. Nach einem gemeinsamen Schnaps genoss ich die Ruhe, bis 23:45 Uhr. Dann ging ich mit meinem Bier ins Wasser. Vielleicht noch zehn Leute waren da. Um Mitternacht zündeten einige Wunderkerzen an. Der Dampf verstärkte Licht und Stimmung, und Richtung Sauna gab es ein kleines Feuerwerk. Nichts Großes, nichts Wildes. Aus dem Dorf sah man gelegentlich Lichtblitze in den Wolken. In der Slowakei ist Feuerwerk nur zwischen 18 und 2 Uhr erlaubt, laute Böller sind generell untersagt – und scheinbar funktioniert das ganz gut.
Gegen 00:20 Uhr ging ich wieder in den Bus und schlief erstmal aus. Heute Morgen befreite ich während des Kaffeekochens erstmal den Van vom Schnee. Ich wollte weiter, aber was der Wetterbericht für den Rückweg meldete, sah nicht gut aus. Ich erinnerte mich an die Rückfahrt aus Rumänien 2024 – damals fuhr ich genau während des schlimmen Hochwassers in Südpolen dort durch, vorbei an Flüssen, die weit über die Ufer getreten waren. Das brauche ich nicht nochmal.
Da mein Knie heute keine große Wanderung mitmacht, entschied ich mich für den Rückweg. Noch nicht komplett, aber ich denke, dass ich Samstag wieder in Berlin sein werde. Ich war gespannt, wie sich das Taxi im Schnee verhält. Wirklich Erfahrung hatte ich bisher nur kurz beim Militärfahrzeugtreffen in Polen. Die ersten Meter fuhr ich noch sehr vorsichtig, bis ich Vertrauen fasste, und steuerte erstmal eine Tankstelle in der nächsten Stadt an. Alle Tanks und Kanister wurden gefüllt und dann ging es zurück.
Ich hatte mir noch einen See als Ziel gesetzt, aber die Nebenstraßen waren nicht schön zu fahren. Kurz vor dem Ziel wurde es unangenehm: 12 % Steigung, Serpentinen – und plötzlich wollte das Taxi quer fahren. Nicht so schön, zumal es hier kaum Leitplanken gibt. Also blieb ich auf den besser geräumten Straßen. Ein Blick auf Google Maps: Was habe ich noch markiert? Gleiwitz in Polen – interessant wegen meiner ersten Ausbildung als Mediengestalter Bild und Ton und natürlich wegen der Geschichte.
Leider wurde es unterwegs immer wärmer, der Schnee schmolz. In Gleiwitz machte ich eine Runde um den höchsten Holzturm der Welt, an dem der Zweite Weltkrieg begann. Nach den Tagen Dauerfrost fühlten sich 2 Grad plötzlich wie T-Shirt-Wetter an. Zurück im Auto fummelte ich noch etwas herum und hörte dann auf der alten Frequenz 1231 kHz nur Rauschen. Hierbleiben wollte ich nicht – also das nächste Ziel: Was passt zu heißen Quellen? Genau: Vulkane. Vor Kurzem war ich ja schon in einem und hatte dort Milchquarz, Rauchquarz, Zeolith, Amethyst, Baryt, Kalzit und Achat gefunden – und ich wusste, dass man dort übernachten kann.
Also zwei Stunden über die A4 in Polen. Langsam kenne ich die Abfahrten auswendig. Als ich die Autobahn verließ, fing es wieder an zu schneien – diesmal nicht bei angenehmen –5, sondern bei knapp 0 Grad. Ich habe das Gefühl, da ist die Straße glatter. Auf einer kleinen Straße, etwa 20 Minuten vor dem Ziel, ging es einen Berg hinunter, leichte Linkskurve, rechts und links große Alleenbäume – und plötzlich merkte ich, wie das Heck nach links ausbrach. Vier Spuren durch den Schnee, ohne Gas, ohne Bremse, kaum Lenken – zum Glück kam ich unten gut auf einer geräumten Straße an.
Okay: Wir bleiben jetzt nur noch auf den geräumten Straßen. Zuerst sah ich einen kleinen Parkplatz, der mir aber nicht gefiel. Wenig später kam ein großer Parkplatz bei einem Restaurant. Hier verbringe ich jetzt die Nacht – und der Bus schaukelt im Wind.
Morgen gibt’s dann halt Frühstück im Vulkan. Mal sehen, ob ich meinen Kocher brauche …









